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 Betreff des Beitrags: Arkassa im Jahr 1944
BeitragVerfasst: So 27. Jan 2019, 18:39 
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Registriert: So 13. Apr 2008, 16:03
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Zur Zeit der deutschen Besatzung Griechenlands gab es für die Soldaten Kriegszeitungen, in denen die Vorgänge an der Front behandelt wurden oder "Kriegsartikel für das deutsche Volk" von Reichsminister Dr. Goebbels veröffentlicht wurden. Es wurden aber auch Filme, die den Soldaten gezeigt wurden sowie historische Themen des jeweiligen Einsatzgebietes angesprochen. Zur Unterhaltung der "Landser" wurden auch Witze oder Rätsel in der Zeitung veröffentlicht.
Auf Rhodos hieß die entsprechende Soldatenzeitung "Wacht auf Rhodos". In der Zeitschriftendatenbank ist für diese Zeitung nur eine einzige besitzende Bibliothek nachgewiesen, nämlich die Württembergische Landesbibliothek (WLB) in Stuttgart. Nachweisbar sind 442 Ausgaben vom 1. Oktober 1943 bis zum 28. März 1945 erschienen, wovon die WLB die Ausgaben 1 bis 73, 76 bis 368 und die Ausgabe 442 besitzt. Beim Durchblättern der einzelnen Ausgaben fiel mir der folgende Artikel auf, der vom Ort Arkassa auf Karpathos (das damals in italienischer Form "Skarpanto" hieß) handelt:

Gegenwart und Vergangenheit
Blick in ein skarpantinisches Dorf

Das Dorf Arkassa an der Westküste der Insel Skarpanto, der Nachbarinsel von Rhodos, ist gewiss nicht das bemerkenswerteste dieses Felseneilands. Die aus dem Mittelalter stammende Siedlung Olimbo, im Norden der Insel auf der Kuppe eines steilen Felsens gelegen, ist weitaus interessanter. Dort kleiden sich die Menschen noch in der alten griechischen Tracht, wie durch die Generationen überkommen, sie sprechen eine Sprache, die neben venezianischen und einigen türkischen stark mit antiken dorischen Worten durchsetzt ist. Und die Häuser dieser Menschen, die in unzugänglicher Berglage Sitten und Gebräuche ihrer Vorfahren über die Jahrhunderte bewahren konnten, werden noch heute mit ebenso einfachen wie wirksamen Holzschlössern verriegelt, Schlösser, die bereits Homer erwähnte.
Demgegenüber hat das nur 650 Seelen zählende Arkassa nicht viel aufzuweisen. Es ist ein Dorf wie jedes andere auf der Insel, aber an einer Stelle gebaut, da sich einstmals die Mauern und Türme einer antiken Stadt stolz in die Höhe reckten.
Was Arkassa von den anderen Siedlungen dieser Insel unterscheidet, ist der Wildbach, der unaufhörlich von den Bergen herunter munter durch das Dorf sprudelt, Sommer und Winter, ganz gleich, ob es regnet oder nicht. Von unterirdischen Quellen gespeist, treibt dieser Bach nicht weniger als 14 Mühlen, und die halbe Bevölkerung von Skarpanto bringt ihr Getreide nach Arkassa, um es dort mahlen zu lassen. Das geschieht auf eine sehr einfache und primitive Weise, der junge Müller kann getrost aufs Feld gehen, während seine alte Grossmutter strümpfestrickend die Vorrichtung wartet. Wenig genug ist zu tun. Das unaufhörlich rauschende Wasser dreht das horizontale Schaufelrad; in der gleichen Geschwindigkeit, ohne jede Übersetzung, bewegt sich der Mühlstein und von dem Schüttelrost fällt ein Körnchen nach dem anderen selbständig nach. 100 kg Mehl geben die guten Mühlen in 24 Stunden her; die alten, weniger leistungsfähigen schaffen nur etwa die Hälfte in der gleichen Zeit.
Das alles zeigte uns der Bürgermeister, ein stämmiger Bauer, nachdem wir in seinem bescheidenen „Büro“ den traditionellen Begrüssungswein getrunken und einige Mandeln geknackt hatten. Der freundliche Mann spricht ein tadelloses Englisch, denn er hat lange Jahre in Nordamerika gelebt und in New York, wie es der Zufall will, mit einem Deutschen zusammen ein Restaurant betrieben. Die Männer dieses Dorfes sind fast alle ausgewandert, nach Amerika, nach Ägypten und dem Sudan, um dort dem Glück und dem Gelde nachzujagen. Nur 15 Familien des Dorfes haben sich an dieser Jagd nicht beteiligt, ihre Männer blieben daheim und ernährten sich recht und schlecht auf der kärglichen Scholle.
Das steinige Land ist arm. In den besten Jahren reicht die Getreideernte dazu aus, den Dorfbewohnern für sechs Monate das tägliche Brot zu geben, manchmal aber auch nur für drei Monate, wenn die Witterungsverhältnisse ungünstig waren. Aus den örtlichen Olivenhainen gewinnen sie in jedem Jahr etwa 7000 kg Öl, und die Rebstöcke der terrassenförmig angelegten Gärten spenden 20 bis 30000 kg Rotwein. Das ist nicht viel und zur Ausfuhr reicht es schon gar nicht. Ausgeprägter ist die Weidewirtschaft, 2000 Ziegen und 2400 Wollschafe finden in der Umgebung des Dorfes ihre Nahrung. 100 Esel und 50 Maultiere helfen, den Grund und Boden der Bevölkerung zu bestellen, die in einer Ansiedlung von 370 Häusern wohnt.
Diese 370 an den kahlen Bergeshang geklebten Häuser stellen das heutige Arkassa dar. Und die antike Stadt? Jenes Arkessia, das der griechische Geograph Strabon beschreibt und das einmal 30000 Menschen, nach anderer Lesart sogar 70000 Menschen beherbergt haben soll, wo ist es?
Versunken, untergegangen! Verschüttet von Geröllmassen, die sich im Laufe der Jahrhunderte über die Ruinen legten. Von der einstmals stolzen Stadt ist nicht viel geblieben. Man muss schon hinaus auf die Felder dicht ans Meer wandern, dort sieht man unter der Ackerkrume, freigelegt durch den Spaten des Wissenschaftlers, noch manche verwitterte Hausmauer der alten Stadt. Mitten im Feld die Ruine der Kirche St. Sofia, im Mittelalter in den Resten und mit den Marmorsäulen eines griechischen Tempels erbaut, der einst an der gleichen Stelle stand. Es soll ein sehr prächtiger Tempel gewesen sein und die Bewohner des heutigen Arkassa erzählen sich, er habe 100 Türen gehabt. In der Kirchenruine findet man ein sehr schönes, farbenfreudiges Bodenmosaik, dessen beste Teile allerdings nach Rhodos ins Museum wanderten.
Und dann steigt man auf die Akropolis, jenen weit ins Meer vorspringenden Felsen, der einst die Stadtburg trug. Man bewundert die kunstvoll in den Fels gehauenen Wasserzisternen, blickt erschaudernd in die Tiefe des Gefangenenverliesses und denkt darüber nach, wie vergänglich doch alles ist, was Menschenhand einstmals schuf. -del

Dieser Artikel über Arkassa befindet sich in der "Wacht auf Rhodos", Folge 140 vom 15. März 1944. Der Verfasser ist nur abgekürzt mit der Angabe "-del" bezeichnet; möglicherweise ist damit der Kriegsberichter Karl Sternwedel gemeint, dessen Name auf -del endet und der damals Hauptschriftleiter der "Wacht auf Rhodos" war. Zur Illustration des Artikels hänge ich noch zwei (neuere) Bilder an, einmal das Bild einer noch erhaltenen Mühle mitten in Arkassa, zum anderen das "horizontale Schaufelrad" in dieser Mühle. Den "Wildbach" gibt es heutzutage in Arkassa nicht mehr, nur noch das Bachbett ist erhalten.

Dateianhang:
Dateikommentar: Mühle in Arkassa
Arkassa_Mühle.JPG
Arkassa_Mühle.JPG [ 191.22 KiB | 1066-mal betrachtet ]

Dateianhang:
Dateikommentar: Horizontales Schaufelrad
Arkassa_Mühlrad.jpg
Arkassa_Mühlrad.jpg [ 81.86 KiB | 1066-mal betrachtet ]


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 Betreff des Beitrags: Re: Arkassa im Jahr 1944
BeitragVerfasst: So 27. Jan 2019, 20:22 
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Registriert: Mi 26. Mär 2008, 10:30
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Danke Karpathiote, da hast du einen schönen alten Bericht ausgegraben und mit entsprechenden Fotos abgerundet.
Sehr interessant!!

_________________
Viele Grüße
Jochen


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 Betreff des Beitrags: Re: Arkassa im Jahr 1944
BeitragVerfasst: Di 29. Jan 2019, 23:45 
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Registriert: So 24. Feb 2013, 20:28
Beiträge: 400
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Vielen Dank für deinen Bericht.
Sehr interessant. :thumb-up:

_________________
Gruß Schängel Koblenz
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 Betreff des Beitrags: Re: Arkassa im Jahr 1944
BeitragVerfasst: Mi 30. Jan 2019, 19:06 
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Registriert: Fr 25. Apr 2008, 17:05
Beiträge: 619
Wohnort: Sommer: D, F und GR - Winter: E (Andalusien)
Ευχαριστώ πολύ für diesen wunderschönen, informativen Artikel, lieber Karpathiote.
Ich staune immer wieder über das, was du so alles „ausgräbst“ und lese solche Berichte ganz besonders gerne.

Saludos de Andalucía/España
Kassandra :wink:

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